
Ethik in der Naturfotografie – Warum Haltung wichtiger ist als das perfekte Bild
Naturfotografie fasziniert. Sie schenkt uns Einblicke in eine Welt, die oft im Verborgenen liegt, und lässt uns Momente erleben, die uns staunen lassen. Gleichzeitig stellt sie uns aber auch vor eine wichtige Frage: Wie weit darf man eigentlich gehen, um ein besonderes Bild zu bekommen? Gerade heute, wo spektakuläre Natur-Aufnahmen schnell Aufmerksamkeit und Reichweite bringen, wird das Thema Ethik immer wichtiger.
Bild von Tatjana
Bilder von Tatjana
Als ich das erste Mal mit Tatjana in der Natur unterwegs war, hat mich ihr Vorgehen sofort in eine Art Bann gezogen. Sie war aufmerksam, achtsam, fast schon sensibel. Das spiegelt sich auch in ihren Bildern wider – ehrlich, kreativ und unglaublich natürlich (wir haben dafür sogar einen Namen gefunden: „Tati-Bilder“). Schnell wurde mir klar, dass dieses besondere Vorgehen nicht nur durch fotografisches Können entsteht, sondern vor allem durch ihre Haltung zur Natur. Tatjana fotografiert nicht, um ein Bild zu erzwingen – sie beobachtet, wartet, respektiert Grenzen und lässt der Natur ihren Raum. Genau das verleiht ihren Aufnahmen einen ganz eigenen Wiedererkennungswert.
Für mich persönlich haben ihre Bilder und ihre Einstellung einen großen Einfluss gehabt. Sie haben mir die Naturfotografie auf eine ganz neue Art nähergebracht. Durch sie habe ich gelernt, dass Naturfotografie nicht bedeutet, möglichst nah heranzukommen oder spektakuläre Szenen zu inszenieren, sondern vielmehr darin besteht, die Natur zu verstehen und sich ihr respektvoll zu nähern. In Sachen ethisches Denken und verantwortungsvoller Umgang mit Flora & Fauna ist Tatjana für mich ein echtes Vorbild geworden.
In unseren Gesprächen, sprechen wir oft darüber, wo persönliche Grenzen in der Naturfotografie liegen, welche Rolle Gefühle beim Beobachten von Flora & Fauna spielen und welche Verantwortung Naturfotografen gegenüber Natur und Gesellschaft tragen. Da dies wahrscheinlich eine ganze Podcastreihe füllen würde, habe wir versucht die wichtigsten Punkte hier in dem Format "Natur im Gespräch" in 5 Fragen zusammenzufassen. Tatjana gibt dabei sehr persönliche Einblicke in ihre Erfahrungen, ihre Überzeugungen und ihre fotografische Philosophie.
5. Fragen
1. Wo ziehst du persönlich die ethische Grenze in der Wildlife-Fotografie? Gibt es Situationen, in denen du bewusst auf ein Foto verzichtest – auch wenn es fotografisch besonders reizvoll wäre?
Um diese Frage zu beantworten ist es glaube ich wichtig, dass sich Jeder ab einen gewissen Punkt mal selbst hinterfragt.
Die erste Frage sollte hierbei sein, was ist und wie verstehe ich Naturfotografie? Die zweite Frage die man sich durchaus stellen könnte, was will ich mit meinen Bilden erreichen, warum gehe ich mit meinen Bildern viral?
Ich persönlich habe sehr hohe ethische Ansprüche bezüglich der Entstehung meiner eigenen Bilder, aber werde sicherlich nicht den ethischen Ansprüchen manch eines Anderen gerecht. Ebenso werden aber ganz Viele nicht meinen ethischen Ansprüchen gerecht.
Mal reagiere ich im Stillen, indem ich solche Personen meide, ob auf Social Media und persönlich oder indem ich durchaus auch mal kritische Gedanken äußere und hinterfrage.
Meine ethischen Grundsätze sind in meinem Herzen verankert und diesen bleibe ich treu. Ich füttere keine Tiere für ein Foto an, ich spiele keine Töne ab, um so insbesondere die Vogelwelt anzulocken, ich werde niemals irgendwelche Bauten/Brutplätze manipulieren, um so evtl. an ein Foto zu gelangen. Ich werde niemals ein Hide mit Anfütterung aufsuchen. Ich suche nicht zwingend die Nähe der Tier,-und Pflanzenwelt auf. Ich achte auf Körpersprache der Tierwelt und nehme mich lieber zurück, anstatt weiter Nähe aufzubauen. Ich suche keine hochsensiblen und störanfälligen Habitate auf, nur um an ein Foto zu kommen. Ethische Grundsätze werden von der eigenen Einstellung gegenüber Flora und Fauna geprägt. Das hat was mit Wertschätzung und Respektieren zu tun. Das hat aber auch viel mit der inneren Einstellung und den eingangs gestellten Fragen zu tun. Denn nur wer sich frei davon macht, Bilder für Resonanz herzustellen, der wird mit ganz anderen ethischen Werten der Fotografie nachgehen wie manch Andere.
2. Welche Rolle spielen deine eigenen Gefühle, wenn du Tiere in sensiblen oder verletzlichen Momenten beobachtest? Beeinflussen Emotionen wie Mitgefühl, Ehrfurcht oder auch Schuld dein fotografisches Handeln?
Schuld beeinflusst Gott sei Dank nie mein Handeln in der Fotografie, eben aufgrund meiner ethischen Werte und wie ich agiere. Meine Gefühle dagegen prägen sehr intensiv meine Fotografie. Darf ich Beobachter und stiller Zeuge sensibler Momente/Begebenheiten sein, bin ich einfach nur dankbar. Ich betrachte solch intensive Momente als Geschenk. Am glücklichsten bin ich, wenn ich nicht bemerkt werde oder sogar als Teil des Ganzen akzeptiert werde und ich so Einblicke erhalte, die den unaufmerksamen Beobachter entgehen würden. Sich auf das Gesehene einzulassen, einzufühlen, schafft eine Ebene, die sich nur schwer beschreiben lässt. Es ist aber genau die Ebene, die mich immer wieder auf's Neue erfüllt und bereichert. Genau diese unausgesprochene Ebene fotografisch zu transportieren ist meine Philosophie, mein Ansporn, mein ständiger Anreiz, die Essenz, der ich mich hingebungsvoll widme.
3. Hast du schon einmal eine Situation erlebt, in der ein Foto moralische Fragen bei dir ausgelöst hat? Wie bist du damit umgegangen und was hast du daraus gelernt?
Mal davon abgesehen, dass man als gewissenhafter Naturbeobachter ganz viele Bilder im Netz vorfindet, die durchaus Fragen bzgl. der Entstehung aufwerfen, ist es auch in meiner Vergangenheit einmal vorgekommen, dass ich mich moralisch hinterfragt habe,
Gerade in den Anfängen und wenn man es von anderen „Naturfotografen“ falsch gezeigt bekommt, können einem solche Fehler unterlaufen. So ist es bei mir vorgekommen, dass ich mal einen Sperlingskauz mittels Abspielen eines Tones „gelockt“ habe. Der Sperlingskauz hat auf den Ton unmittelbar reagiert, indem er sich auf einen Ast gesetzt hat und den Kopf irritiert/interessiert schräg gehalten hat. Ich habe mich in diesem Moment so schlecht gefühlt, dass ich bis heute dieses Bild nie online hochgeladen habe. Im Nachgang habe ich sogar eine ausgebildete Falknerin gefragt, was der Blick zu bedeuten hat. Und auch wenn die Erklärung, das Verhalten des Sperlingskauzes als normal offenbart hat, so habe ich noch bis heute ein schlechtes Gewissen. Zumal ich es heute Besser weiß. Mit Beobachten, Geduld und Aufmerksamkeit kommt man ebenso zum Ziel und dieses „Ziel“ auf natürliche Art zu erreichen, ist um vielfaches erfüllender und berührt viel mehr das Herz. Die Natur gibt beim richtigen und respektvollen Umgang durchaus eigenständig.
4. Wie gehst du mit dem Spannungsfeld zwischen einem starken Bild und dem Wohl des Tieres um? Was ist dir wichtiger: die perfekte Aufnahme oder der Schutz der Natur – und warum?
Das Wohl des Tieres, der Pflanze, hat immer Vorrang. Sicherlich kommt es trotz gewissenhafter Sorgfalt auch mal vor, dass ich mal unbeabsichtigt ein Tier störe oder aufscheuche, ein Halm, eine Pflanze mal unbeabsichtigt platt trete. Aber der springende Punkt ist, all das passiert nicht beabsichtigt und genau das sollte oberste Priorität eines Jeden sein. Der Schutz von Lebensraum und der Lebewesen geht immer vor, zumal wir Menschen bereits so viel negativ beeinflussen. Die Sorge wie lange uns das Wenige noch Vorhandene überhaupt noch erhalten bleibt, treibt mich zu noch mehr Vorsicht und Zurückhaltung an.
5. Welche Verantwortung tragen Naturfotograf:innen deiner Meinung nach gegenüber der Gesellschaft und dem Naturschutz? Können Bilder das Bewusstsein verändern oder sogar Schutzmaßnahmen fördern?
Gegenfrage, wann ist man Naturfotograf?? Was zeichnet einen Naturfotografen aus, insbesondere in der heutigen Zeit, wo jeder über eine Handykamera verfügt, wo die Technik erschwinglich und fortgeschritten ist? Darf ich mich überhaupt als Naturfotografin bezeichnen?
Ich selbst würde mich als Naturbeobachterin bezeichnen. Ich liebe es unterschiedliche Lebensräume aufzusuchen, Verhalten zu beobachten, zu Entdecken und diese Momente festzuhalten.
Gewissenhafte Naturfotografen/Naturfilmer können sehr wohl dazu beitragen ein Bewusstsein für das sensible Gut von Flora und Fauna zu schaffen und können durch intensives Beobachten und Aufklären dazu beitragen, dass erforderliche und notwendige Schutzmaßnahmen Gehör finden.
Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt zu lesen! Wenn ihr mehr von Tatjana sehen wollt, schaut unbedingt auf ihrer Webseite vorbei.


